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Höher, schneller, weiter: Wie schadet uns Selbstoptimierung?

Ich optimierte mich – und verlor das gesunde Mittelmaß

Gesünder leben, besser arbeiten, sportlicher werden: Viele Menschen wollen aus ihrem Leben das Perfekte herausholen. Doch aus dem Wunsch, die beste Version des eigenen Ichs zu sein, kann Zwang werden.

Höher, schneller, weiter Gerrit Jäger

Egal ob es einfach nur um ein schickes Outfit zum Ausgehen geht, um die Erfindung des Rades oder um die Besteigung des Mount Everest in kürzester Zeit: Optimierung scheint ein menschliches Bedürfnis zu sein. Leider jedoch suggerieren uns die Medien heutzutage in einer Dauerschleife, dass wir schöner, reicher, erfolgreicher, fitter, gesünder, bessere Eltern, bessere Partner, im Ganzen bessere Menschen sein müssten. Wir glauben uns in einem andauernden Prozess selbst optimieren zu müssen, um nicht stehen zu bleiben oder abgehängt zu werden. Denn: Stillstand bedeutet ja Rückschritt – wie uns der Boulevard verkaufen will. Wirklich? Brauchen wir stetige Selbstoptimierung? Und wenn ich das bejahe, spüre ich dann nicht ein ständiges Mangelgefühl, mit einer Fülle von Mangelgedanken: „Ich bin noch nicht klug genug! Ich bin noch nicht fit genug! Ich bin noch nicht erfolgreich genug! Es geht noch höher! Es geht noch weiter! Es geht noch besser! Und wenn ich diesem Selbst-optimierungstrip nachgebe, fühle ich mich dann wirklich besser?

Ich möchte Ihnen meine persönliche Erfahrung mit dem Thema schildern. Ich war immer und mit vielem unzufrieden, obwohl es mir objektiv hätte gut gehen können. Vermutlich weil mich bereits damals dieses Optimierungsvirus erfasst hatte. Ich war nicht in einem optimalen Fitnesszustand, vielleicht etwas speckig. Ich trank gern und etwas zu viel Alkohol, was mir allmählich Probleme bereitete, da ich bisweilen verkatert keine guten Leistungen bringen konnte – egal in welchem Lebensbereich. Meine Ernährung war selbstverständlich ebenfalls suboptimal, und geraucht habe ich wie ein Schlot, was sich in der Summe extrem negativ auf Körper und Psyche auswirkte.

Die eigene Unzufriedenheit war der Antrieb

Dann kam ein kurzer Lebensabschnitt, wenige Tage vielleicht, die mich erkennen ließen, dass ich das Leben, wie ich es führte, nicht weiterleben wollte. Die eigene Unzufriedenheit mit der gesamten Lebensführung wurde so übermächtig, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte! Von einem Tag auf den nächsten habe ich alles in meinen Augen Negative aus meinem Leben verbannt. Meine intrinsische Motivation war überdurchschnittlich groß. Ich fuhr jeden Tag nach der Arbeit ins Fitnessstudio und absolvierte mein Training. Die Ziele waren hoch. „Weg mit dem Speck“ war mir zu wenig. Ich wollte den Körper eines „Men’s Health“-Covermodels! Ich wollte ganz oben stehen! Alles andere wäre für mich suboptimal gewesen. Ich optimierte mein Leben. Ich optimierte meine Ernährung, nicht unbedingt gesundheitsorientiert, sondern mehr als Mittel zum Zweck. Ich optimierte mein Zeitmanagement, damit ich auch noch solche „Nebensächlichkeiten“ wie Partnerschaft und Familie in meinem neuen Leben unterbringen konnte.

Das neue Lebenskonzept zog ich dann über einige Jahre hinweg durch. Der „Erfolg“ im Sportmodel-Bereich stellte sich tatsächlich ein, ich schaffte es in die „Men’s Health“ und bekam Verträge bei namhaften Modelagenturen. Das machte mich wahnsinnig stolz. In den Jahren des neuen Lebenswandels verbesserten sich auch viele andere wichtige Lebensbereiche. Ich wurde besser im Job, machte mich sogar nebenberuflich selbstständig. Ich fühlte mich wacher, fitter und gesünder als jemals zuvor. Und als positiver Nebeneffekt verfügte ich auch noch über merklich mehr Selbstsicherheit. Das war toll – ich wollte jeden dieser Bereiche noch besser machen und noch ein Stückchen und noch ein Stückchen …

Der Stress war übermächtig

Nun war es leider so, dass irgendwann, ohne dass ich es wirklich bemerkte, die Grenze zwischen gesunder und ungesunder Optimierung verschwamm. Ich bin fest davon überzeugt, dass man ruhig ab und zu mal Vollgas im Leben geben darf. Aber die Dosis macht das Gift. Und wer dauerhaft alles ständig optimieren will, der wird früher oder später einen Rückschlag erleiden! Da bin ich mir ganz sicher. Der andauernde selbst erzeugte Druck hatte allmählich physische und psychische Folgen: Schlafstörungen, Magen- und Darmprobleme, bisweilen nie gekannte Unsicherheiten und zuletzt sogar starke körperliche Stresssymptome. Es wurde Zeit, innezuhalten und nachzudenken.

Alle Menschen sind verschieden. Was für den einen zu wenig ist, ist für den anderen schon zu viel. Jeder muss den für sich persönlich richtigen Weg finden! Deshalb gibt es keine hundertprozentigen Patentrezepte, aber sehr wohl Handlungsempfehlungen.

Ich begann, auf die unüberhörbaren Signale meines Körpers und meiner Psyche zu hören. Beide riefen schon lange Zeit nach einer Pause, und ich gönnte sie ihnen jetzt. Mein Training passe ich nun meinem Befinden an – nicht mehr umgekehrt. Auf der mentalen Ebene galt es, das Optimierungsvirus als sinnstiftende Lebenshaltung zu hinterfragen, denn es war ja die Wurzel allen Übels. Noch einmal: Die Dosis macht das Gift! Ich hatte mich über-optimiert! Ich achte nun darauf, gesunde Mittelwege zu finden. Ich achte darauf, körperliche und psychische Warnsignale und vor allem kritische Rückmeldungen ernst zu nehmen. Und vor allem achte ich nun darauf, mich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Es ist die Familie! Es sind die Freunde, und es ist die Gesundheit. Hier und heute fühle ich mich jetzt wirklich mit dem guten Optimierungsvirus infiziert! Natürlich gehört das körperliche Training immer noch zu meinen Leidenschaften – aber es geht heute nicht mehr um „höher, schneller, weiter“.

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Quelle: Höher, schneller, weiter: Wie sehr schadet uns die Selbstoptimierung?

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