Ohnmachtsgefühl – die Analyse eines psychologischen und gesellschaftlichen Phänomens. Entstehung, Verarbeitungsversuche und Lösungsansätze

Der Begriff Ohnmachtsgefühl tauchte aus dem Nichts auf und inspirierte mich zu Überlegungen, wie dieser aus der Mode gekommene Begriff in eine Welt passt, in der alle machtvoll, selbstbewusst und beteiligt sein wollen. Fazit: Er hat an Aktualität nicht eingebüßt.

Ohnmachtsgefühle sind allgegenwärtig. Ein Beispiel: In meinem ersten Beruf als Krankenpfleger gab es in jeder Klinik ärztliche Leiter, bei denen die Berufsbezeichnung „Chefarzt“ eher einer Diagnose gleichkam. Die Weißkittel agierten in einer Gutsherrenmanier und schienen einen sadistischen Spaß daran zu haben, ihre Untergebenen zu traktieren, zu erniedrigen oder wahlweise im Beisein der entsetzten Patienten vorzuführen. Da kamen Persönlichkeitsstörungen zusammen, für die bisher stimmige Umschreibungen fehlen, die sich aber annährungsweise mit Eigenschaften wie aggressiv, cholerisch, empathiefrei, asozial oder narzisstisch umschreiben lassen. Diese Übermenschen besaßen die Fähigkeit, ihre Untermenschen zu kritiklosen, angsterfüllten und ohnmächtigen Wesen erfrieren zu lassen. Auch ich fühlte mich als Visitenpfleger dieser vorgesetzten Brüllaffen mit oder ohne Professorentitel ohnmächtig ausgesetzt und spürte eine grassierende Begrenztheit meines eigenen Einflusses. Dies führte u.a. zu unsicherem Sprechen, psychosomatischen Reaktionen und panischer Angst, etwas falsch machen zu können. Das Gefühl, diesen Personen in der eigenen Stärke nicht gewachsen zu sein und sich in ihrer Gegenwart klein und unbeholfen zu fühlen, machte mich rasend und so manches Mal fabulierte ich, wie ich den promovierten Idioten die Visitenkurve um die Ohren schlage oder ihnen die gefüllte Bettpfanne über den Schädel ziehe. Eines Tages marschierte ich nach einem Vorfall tatsächlich mit geballter Faust in Richtung Chefarztzimmer, allerdings meldete ihn die Sekretärin als abwesend, was im Nachhinein gesehen entweder Glück für ihn oder für mich war. Das Ohnmachtsgefühl verfolgte mich noch lange.

Ohnmächtigkeit – löst man diesen Begriff zunächst einmal von der Assoziation der körperlichen Bewusstlosigkeit ab – basiert auf der tiefen Überzeugung, schwach, unwirksam und machtlos zu sein. „Ich kann nichts beeinflussen, nichts in Bewegung setzen, durch meinen Willen nicht erreichen, dass irgendetwas in der Außenwelt oder in mir selbst sich ändert, ich werde nicht ernstgenommen, bin für andere Menschen Luft.“ So umschreibt der Psychotherapeut und Sozialwissenschaftler Erich Fromm diesen psychischen Zustand. (1) Der Ausdruck scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein, heute noch mehr als zu Zeiten Fromm´s. Vielleicht liegt es daran, dass es heute dank sozialer Netzwerke leichter fällt, unter dem Deckmantel der Anonymität Macht vorzutäuschen, die sich in der Realität als hohle Blase entpuppt.

Dass dieses Gefühl existiert und den Menschen, der es in sich trägt, bis zur absoluten Nichtigkeit zerfressen vermag, ist den meisten wenig bewusst.

Häufig erlebe ich als Psychotherapeut junge Leute, die auf meine Frage, was denn der Grund für ihre Niedergestimmtheit sei, in völliger Ahnungslosigkeit. Manchmal kommen Antworten, wie: Es ist so ein leeres Gefühl, es ist wie ein schwarzes Loch oder ein ständiges Schwachsein. Erkläre ich ihnen (es handelt sich dabei vorwiegend um Mädchen im Jugendalter) mein Konstrukt der Ohnmacht, reagieren sie oft erleichtert, endlich eine Umschreibung gefunden zu haben, auch wenn sie sich bisher nicht in ihrem eigenen Vokabular befand.

Dabei muss ich gestehen, selbst erst vor kurzer Zeit auf diesen Begriff gestoßen zu sein. Wo und in welchem Zusammenhang, mag ich nicht mehr sagen, aber wie so oft beim Lesen von Artikeln in Zeitungen und Büchern bleibe ich bei Ausdrücken hängen, die plötzlich wie ein Schlüssel zu einer verschlossen Tür Einblick in einen neuen Denkraum geben. Auch wenn der Kontext eventuell ein ganz anderer war.

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Mehr: Ohnmachtsgefühl – ein unmoderner Begriff