Seit anderthalb Jahren auf Weltreise – mit nur einem Koffer

Seit anderthalb Jahren auf Weltreise – mit nur einem Koffer

Job kündigen, Koffer packen, Welt bereisen

Seit anderthalb Jahren reist er um die Welt – mit nur einem Koffer. Nein, es handelt sich nicht um einen Work and Travel-Abiturienten, sondern um einen Unternehmensberater, der sein bisheriges Leben hinter sich ließ. Mit dem stern sprach er über Fluch und Segen des Reisens. Von Laila Keuthage

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“Als mein altes Leben implodiert ist, stand ich vor der Entscheidung, was ich mit meinen Ersparnissen anfangen sollte: Entweder ein neue Wohnung mieten, Auto kaufen, mich wieder ins Hamsterrad schmeißen oder das Geld in Reisen und Lebenserfahrung investieren.” Er hat sich für letzteres entschieden und diesen Schritt nie bereut.

Simon Stark hat beschlossen, sich eine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Seinen Job als Unternehmensberater hat der 40-Jährige aufgegeben und bereist seit Dezember 2015 die Welt. Auf die Frage, was als Wohnsitz in seinem Personalausweis eingetragen ist, antwortet Simon: “Gute Frage, ich habe nur einen Reisepass und da steht keine Adresse drin.” Bevor er sich auf den Weg machte, hatte er sieben Jahre lang in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, gelebt, mit seiner Familie. Eine “sehr brutale Scheidung” entriss ihm den Boden unter den Füßen. Auf einen Schlag war er von seinen Kindern getrennt und verlor alles, was er sich über Jahre aufgebaut hatte.

Minimalistisch auf Reisen

Vom Reisen hatte Simon schon immer geträumt, und dieser tiefe Einschnitt in sein Leben zwang ihn förmlich dazu, seine Komfort-Zone zu verlassen. Der Entschluss stand fest. Er packte seinen Koffer und weg war er. Der Koffer und ein Rucksack – das ist alles, was ihn auf seiner Reise begleitet. Einer Reise ohne festes Ziel. Und wenn er doch ein Ziel definieren müsste, dann wäre das wahrscheinlich Glücklichsein. Dafür braucht er nicht viel, erzählt er: “Glück findet man nicht in der Anhäufung von Dingen”.

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Simon pflegt einen minimalistischen Lebensstil. Minimalismus verbindet er aber nicht nur mit einer geringen Anzahl von
In Lina Jachmanns kürzlich erschienenen Buch “Einfach Leben: Der Guide für einen minimalistischen Lebensstil” werden neben Simon verschiedene Personen portraitiert, die in den Bereichen Kleidung, Nahrung, Müll oder auch Wohnen minimalistisch leben.
 Besitztümern, sondern versteht das Konzept viel mehr als eine Aufgeräumtheit im Geiste. “Was uns zurückhält und träge macht ist das Festhalten-Wollen und die Angst, etwas zu verlieren. Das trifft ebenso auf Dinge zu wie auf Beziehungen und Situationen. Ich finde es nicht verwerflich, viele Dinge zu besitzen – solange wir nicht glauben, dass wir diese Dinge brauchen, um glücklich zu sein. Er selbst hat vor Beginn seiner Reise ausgemistet. Alles, was er über ein paar Monate nicht genutzt hatte, sei es Kleidung oder Gebrauchsgegenstände, gab er weg. Simons Resümee: “Ich habe mich danach leichter gefühlt und auch festgestellt, dass mir absolut nichts davon fehlt.”

Simons Weltreise: Alles andere als Sightseeing

Von den Gili-Inseln bei Lombok ging es zuerst nach Peru und später nach Japan, wo er einen Winter im Zen-Kloster verbrachte. Danach bereiste Simon die USA, flog nach Bali, anschließend nach Europa. Dort lebte er in Wien, Portugal, der Schweiz, Berlin, Island und Prag. Anschließend ging es nach Mexiko.

Besucht hat er noch weitaus mehr, aber an diesen Orten war Simon längere Zeit. Faszinierend fand er viele Ecken: “Die Natur in Island

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ist unvergleichlich, genauso wie die herzliche Gastfreundschaft in Mexiko.” Simon hat viel gesehen.

Wenn man ihn fragt, welchen Ort er sich aussuchen würde, wenn er sich festlegen müsste, bekommt man eine überraschende Antwort: “Die schönste Stadt der Welt ist für mich Berlin im Sommer – die hässlichste Stadt der Welt Berlin im Winter. Ich mag diese Polarität und liebe die Energie, die mir diese Stadt gibt. Deshalb: Berlin.” Dort hat er letztes Jahr für ein paar Wochen auf einem Hausboot gelebt.

Generell geht es Simon nicht darum, möglichst viele Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Er bemüht sich, von fremden Menschen zu lernen und immer in den Alltag seiner Reiseziele einzutauchen – dabei scheint es, als sei er genau davor geflohen. Zurück in seinen persönlichen, früheren Alltag will er aber nicht. Was ihm fehlt: “Intellektuelle Herausforderung, Probleme lösen und mit Menschen zusammen zu arbeiten, die einen fordern.” Deshalb möchte er bald auch wieder ins Berufsleben einsteigen. Ein Nine-to-Five-Bürojob soll es aber nicht sein. Denn Simon hat sich während der Reisen verändert, er möchte neue Sichtweisen einbringen.

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“Ich bin ein vollkommen anderer Mensch als noch vor einem Jahr oder auch vor drei Monaten. Ich bin sicher ruhiger und geduldiger geworden und versuche, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Meditation hat mir dabei geholfen, meine eigenen Gedanken mit mehr Distanz zu beobachten, zu analysieren und daraus zu lernen.”

Auch wenn die Sehnsucht nach einem festen Zuhause und einem Job wächst, ist Simons Bucket List noch lang: “Es gibt noch viele Orte, die ich gerne sehen möchte, und ganz oben steht momentan, einen Tauchschein zu machen. Mein nächstes Ziel ist es aber, neue Herausforderungen zu finden und mir ein neues Leben aufzubauen. Reisen kann auch rasch zur Flucht werden. Ein ständiges Jagen nach dem nächsten Kick und ein Davonlaufen vor den eigentlichen Problemen.”

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Quelle: Seit anderthalb Jahren auf Weltreise – mit nur einem Koffer | STERN.de